Rund 50 Interessierte, Jäger, Förster, Naturschützer und Bürger, sind zum Waldrundgang durch den Wittislinger Gemeindewald gekommen. 16.09.2021  -  Der Wittislinger Gemeindewald hat viel Potenzial: Neben Fichte wachsen hier auch Ahorn, Buche, Tanne und Eiche. Baumarten, die trotz Klimawandel eine Chance haben. Damit sie die auch wirklich bekommen, müssen aber mehr Rehe geschossen werden.
Viele sind gekommen zum gemeinsamen Waldrundgang: Mehr als 50 Förster, Jäger, Naturschützer sowie interessierte Bürgerinnen und Bürger wollen hören, wie der Wittislinger Gemeindewald fit gemacht werden soll für die Zukunft. Eingeladen hatten das Bündnis "hunting for future" - federführend ist hier der Ökologische Jagdverband in Bayern.
Der Hintergrund: Wittislingen hat sich trotz sehr kontroverser Diskussionen dazu entschieden, den Gemeindewald an einen neuen Jäger zu verpachten. Warum dieser Weg aus Sicht des Ökologischen Jagdverbands, des Bund Naturschutz und aus Sicht vieler Förster richtig war, sollte beim Waldrundgang gezeigt werden.

Samen gehen auf - Pflänzchen bleiben aber mickrig klein
Förster Stefan Kolonko führt die Gruppe durch den Wald, hält an einer kleinen Lichtung an. Er zeigt auf mit gelben Stöcken markierte Stellen: Dort wachsen Buchen, ein Ahorn, auch eine Eiche und mehrere Tannen. Die Muttertanne steht nur ein paar Meter weiter: Ein staatlicher Baum, der hier mit seinen Samen für natürliche Vermehrung gesorgt hat: Naturverjüngung nennen das die Experten. Aber all diese Pflänzchen sind nur ein paar Zentimeter hoch.
Spätestens wenn sie im Herbst ihre Knospen bilden, mit all den wichtigen Nährstoffen für den Austrieb im Frühjahr, würden sie zum Leckerbissen fürs Wild, erklärt Marc Koch vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Nördlingen-Wertingen. Wäre der Wildbestand schon seit einem längeren Zeitraum waldverträglich niedrig, so Koch weiter, wären all diese Bäumchen sicher schon mannshoch.

Ohne Schutz keine Chance
Dahinter wachsen etwas größere Tannen, die vor einigen Jahren gepflanzt wurden und zunächst mit einem Zaun oder anderen Maßnahmen geschützt worden waren. Jetzt, ohne Schutz, sind Stamm und Zweige stellenweise beschädigt, manche ganz dürr.
Ein Rehbock hat die Tannen "gefegt", das heißt, mit Duftstoffen versehen und so sein Revier markiert, erklären die Experten. Das müsste er nicht, so Marc Koch, wenn es nicht zu viele Rehböcke auf zu kleinem Gebiet gäbe. Hätte jeder Bock genügend Platz, müsste er sein Revier nicht abgrenzen. Hier wird klar: Es gibt mehr Rehwild, als die Bäume vertragen.

Fichtenmonokulturen haben keine Zukunft
Fichten gehen unterdessen in solchen Mengen auf, dass sie trotz Wild eine Chance hätten, durchzukommen – wenn der Klimawandel mit Trockenheit und Hitze nicht wäre. Es wäre natürlich das einfachste, die Fichtensamen aufgehen und weiterwachsen zu lassen, sagt Koch. "Aber das werden die nicht mehr aushalten! Wir brauchen Buche, wir brauchen Eiche, um das Ganze risikoärmer zu gestalten." Denn diese Baumarten halten dank ihrer tiefen Wurzeln auch Stürmen eher stand, können in Trockenphasen länger durchhalten.
Warum man die Jungpflanzen nicht einfach mit Zäunen schütze, wie bisher, fragt einer der Zuhörer. Weil die Kosten dafür der Waldbesitzer zu tragen habe. Die Kosten für die Pflanzung und die Zäune seien hoch, die Kontrolle sehr aufwändig, antwortet Förster Marc Koch. Die Vorzeichen hätten sich geändert: In Zukunft müssten immer mehr große Fichtenaltbestände ersetzt werden, und das möglichst rasch. Ziel sei es, dass etwa 90 Prozent des Waldes von allein wachsen sollten, so Stefan Kolonko vom Ökologischen Jagdverband. Der Wittislinger Bürgermeister Thomas Reicherzer (SPD) nickt: "Es ist sehr teuer, wenn man nachpflanzen muss mit dem Bauhof. Unser Ziel ist, dass Wald sich von selber verjüngt, dass die Pflanzen von selber nachkommen."

Neuer Jagdpächter soll mehr Rehe schießen
Deshalb will der Wittislinger Gemeinderat, dass in Zukunft mehr Rehe geschossen werden. Und hat dafür den Jagdpächter gewechselt. Das ist unüblich und hat für Kontroversen gesorgt. Auch beim Waldbegang gibt es Einwände von Seiten der Jäger: Unter dem Strich gehe es hier nicht mehr um Wald mit Wild, um das, was man bei einer vernünftigen Jägerausbildung mache, sondern um Bekämpfung: So wenig Wild im Wald wie möglich springen zu lassen – das sei das Einzige, so der Wittislinger Holger Dünzl.
Andere hingegen raten, diesen Weg konsequent zu gehen: Förster Armin Desch aus Ziemetshausen hat hier positive Erfahrungen gemacht: In seinem Wald war der Abschuss für ein paar Jahre deutlich erhöht worden, der Wildbestand wurde so auf ein gewisses Maß reduziert: "Wenn sie das fünf Jahre lang machen, dann sehen sie den Effekt: Es kommt die Eiche, die Tanne, wir haben Ärger ohne Ende mit den Nachbarn – aber, machen sie das, dann werden sie sehen was passiert – es funktioniert." Ärger mit den Nachbarn haben sie ihrer Aussage zufolge, weil nicht jeder das Konzept – mehr Abschuss für Erhalt des Waldes – für richtig erachtet.

Neues Verbissgutachten soll im Frühjahr vorgestellt werden
Wie viel Wild geschossen werden darf und soll, das ist im Abschussplan festgelegt. Der orientiert sich am Verbissgutachten, das alle drei Jahre veröffentlicht wird. Im Frühjahr ist es wieder soweit. Dafür haben sich Förster wie Marc Koch den Zustand der Bäume im Wald angeschaut. Sind sie zu stark angefressen, soll der Abschuss erhöht werden. Diese Empfehlung gilt derzeit für etwa ein Drittel aller Hegegemeinschaften, also zusammenhängender Jagdgebiete in Bayern. Koch geht davon aus, dass auch für Wittislingen im Frühjahr die Empfehlung lauten wird "Abschuss erhöhen" – die Schäden an den Bäumen legen das nahe.
Die Gemeinde Wittislingen hat gemeinsam mit dem neuen Jagdpächter Michael Werner schon die ersten Schritte gemacht: Er hat neue Hochsitze aufgestellt und will sich verstärkt auf die Pirsch legen. Damit Wald und Wild hier wieder in Einklang kommen und der Wittislinger Gemeindewald sowohl als Wirtschaftsfaktor als auch als Naherholungsgebiet für die Bürgerinnen und Bürger erhalten bleibt.