Eine Frau in einem roten Kleid reibt sich die Hände.15.09.2021  -  1,5 Millionen Erwachsene in Deutschland leiden unter entzündlich-rheumatischen Erkrankungen. Auf dem Deutschen Rheumatologiekongress sprechen Experten über neue Therapiemöglichkeiten. Denn die Volkskrankheit Rheuma wird häufig falsch behandelt.
Der Termin in der Privatambulanz am Uniklinikum Erlangen ist für Jenny Richter fast schon Routine. Alle drei Monate wird sie hier in der Rheumatologie durchgecheckt. Die 40-Jährige leidet an "Familiärem Mittelmeerfieber" – kurz FMF. Eine entzündliche Erkrankung, die mit Fieberschüben und Gelenkschmerzen und manchmal auch Bauchschmerzen einhergeht.

Durch die Rheuma-Erkrankung stark eingeschränkt
Die ersten konkreten Beschwerden bemerkte Jenny Richter nach der Geburt ihres ersten Sohnes. In regelmäßigen Abständen hatte sie kurz hintereinander innerhalb weniger Tage starke Fieberschübe, erzählt die Architektin. Die Beschwerden seien relativ spontan aufgetreten, aber doch sehr einschneidend gewesen.

"Dadurch war natürlich mein Leben mit meiner Familie und auch mein berufliches Leben stark eingeschränkt. Dazu kamen starke Schmerzschübe, so dass da auch ein großer Leidensdruck war." Jenny Richter, Rheuma-Patientin

Für viele Betroffene ist es ein langer Weg bis zur Diagnose
Jenny Richter hat – wie viele Rheuma-Betroffene – einen wahren Arztmarathon hinter sich. Denn die Krankheit ist nicht sichtbar und wird deshalb oft zunächst falsch behandelt. Patienten mit FMF beispielsweise fehle meist der Blinddarm, erklärt der Erlanger Rheumatologe Prof. Dr. Georg Schett, weil aufgrund der Beschwerden der Blinddarm oft herausgenommen wird in der Annahme, es handele sich um eine Blinddarmentzündung. "Aber es ist nichts anderes als eine überschießende Immunreaktion." Rheuma-Patienten seien meist recht verzweifelt: "Oftmals wird gesagt, es ist nur eingebildet. Doch stattdessen haben die Patienten wirklich eine Erkrankung, diese Immunerkrankung."

Neue Therapieansätze beim Deutschen Rheumatologiekongress
Diese Immunerkrankung aber könne mittlerweile glücklicherweise gut behandelt werden, sagt Prof. Dr. Georg Schett, der auch Kongresspräsident beim Deutschen Rheumatologiekongress ist. Der findet in diesem Jahr pandemiebedingt virtuell statt. Von Mittwoch, 15. September, bis Samstag, 18. September, treffen sich zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler online und tauschen sich über aktuelle Themen und Entwicklungen aus. Fachvorträge greifen beispielsweise das Thema "Covid-19 und Rheuma" auf.
Weitere Kernthemen behandeln zudem neue Therapieansätze bei seltenen Erkrankungen wie dem FMF, aber auch bei gängigen rheumatologischen Erkrankungen: "Klassiker sind zum Beispiel die rheumatoide Arthritis, dann die Schuppenflechtengelenkentzündung auch Psoriasis-Arthritis genannt oder auch der Morbus Bechterew (Anm. der Redaktion: Morbus Bechterew ist eine Rheuma-Form, die insbesondere im Bereich der Lendenwirbelsäule auftritt und zu Verknöcherungen führen kann. Morbus Bechterew ist nicht heilbar. Die Beweglichkeit der Betroffenen ist oft stark eingeschränkt.). Das sind die drei großen Gruppen von entzündlichen Gelenkserkrankungen, die immer einer sehr ausgefeilten entzündungshemmenden Therapie bedürfen."

Moderne Biologika unterstützen die Rheuma-Therapie
Im Fall von Jenny Richter führte eine Behandlung mit sogenannten Biologika zum Erfolg. Die gentechnisch hergestellten Arzneistoffe hemmen die Entzündung im Körper. "Die Frau Richter zum Beispiel bekommt sogenannte Zytokinhemmer. Zytokine sind entzündliche Botenstoffe. Die kann man heutzutage sehr gut mit den Biologika hemmen. Das sind meistens Antikörper oder lösliche Rezeptoren, die man sich selbst verabreicht mit einer Bauchspritze", erläutert Georg Schett.
Einmal in der Woche verabreicht sich Jenny Richter selbst eine Bauchspritze mit solch einem Biologikum. Zusätzlich nimmt die 40-Jährige regelmäßig Colchizin ein. Das Gift der Herbstzeitlosen sorgt dafür, dass es nicht so leicht zu Fieberschüben kommt. Seitdem gehe es ihr viel besser, sagt sie. Auch wenn sie nicht völlig beschwerdefrei ist. "Es gibt einen geringen Prozentsatz des Gesamtumfangs der Beschwerden, der noch besteht, der allerdings so gering ist, dass er mich in meinem täglichen Leben nicht größer einschränkt", erzählt die 40-Jährige.
Zwar ist FMF eine genetische Erkrankung und dadurch nicht heilbar. Dank moderner Medikation aber gut behandelbar, sodass Jenny Richter mittlerweile wieder ganz normal ihrer Arbeit nachgehen und sich um ihre drei Kinder kümmern kann.

Behandlung der Patienten ist heute viel besser als noch vor zehn Jahren
"Es gibt immer wieder neue Substanzen, die auf den Markt kommen und die auch eingesetzt werden. Und durch dieses ganze Spektrum der Immuntherapie, das heute zur Verfügung steht, ist es uns möglich, dass wir die Patienten viel besser behandeln können als noch vor zehn Jahren", sagt Georg Schett. Von Vorteil sei aber in jedem Fall, wenn die Rheuma-Erkrankung frühzeitig erkannt werde. Je früher man die richtige Diagnose stelle, "desto weniger Schäden haben die Patienten und desto häufiger kann der Originalzustand ohne Einschränkung wiederhergestellt werden", so Schett.

Nicht rauchen, Sport treiben, auf die Ernährung achten
Dabei können Betroffene neben einer entzündungshemmenden Therapie selbst eine Menge tun, um ihren Gesundheitszustand zu verbessern, indem sie etwa die Risikofaktoren minimieren. Patienten sollten regelmäßig Sport treiben, meint Georg Schett: "Es ist sehr wichtig, dass sie Muskulatur aufbauen und Fett abbauen und einfach den Bewegungsapparat stärken. Das ist eine ganz wichtige Komponente, dass auch eine regelmäßige sportliche Aktivität stattfindet." Außerdem sollten Rheuma-Erkrankte nicht rauchen und auf ihr Gewicht achten. Wichtig sei, "dass eben nicht ausgeprägtes Übergewicht herrscht und eine vernünftige ausgewogene Ernährung besteht."